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Andacht


Kann man Gott in der Geschichte erfahren?
Gedanken zum Bau und Fall der Berliner Mauer.

„Biografie - ein Spiel“. So heißt ein Drama von Max Frisch. In dem Stück lässt Max Frisch den kranken Protagonisten Hannes Kürmann dessen Leben noch einmal völlig neu entwerfen. Kürmann durchlebt ein zweites Mal Schlüsselerlebnisse seines Lebens. Ihm wird die Möglichkeit eröffnet, sich mit dem Wissen aus der Zukunft zu den Ereignissen und Menschen anders zu verhalten und dadurch in seine Biographie einzugreifen, sie zu verändern:„Ich denke häufig, wie, wenn man das Leben noch einmal beginnen könnte; und zwar bei voller Erkenntnis? Wie, wenn das eine Leben, das man durchlebt hat, sozusagen ein erster Entwurf war, zu dem das zweite die Reinschrift bilden wird!“

Biografie ein Spiel. Meine Mutter hatte ein Spiel: Jedes Jahr um den 13. August entwirft sie ein anderes Leben, indem sie erzählt: Den August 1961 verbringt sie wie jedes Jahr mit der Familie bei den Großeltern in Westberlin, in Tegel. Da kommt am 13. August, einem Sonntag, die Meldung, dass die Grenzen geschlossen werden. Beherzt sagt meine Großmutter: Wir bleiben. Eine Wohnung wird gesucht, die Töchter auf einer Schule in Charlottenburg angemeldet. Nach einigen Tagen hat mein Großvater sogar die Aussicht auf eine neue Stelle. Aber ihm kommen Zweifel. Können wir die Menschen in dem kleinen Dorf in der Altmark einfach zurücklassen? Ohne Abschied?

Die Familie wägt ab; meine Großeltern sagen sich, die Grenzschließung könne nicht ewig andauern und entschließen sich, Ende August 1961 in die Altmark zurück zu kehren. Nie wird meine Mutter die verwunderten Blicke der Grenzsoldaten am Bahnhof Friedrichstrasse vergessen. Dass eine Familie freiwillig zurückkommt in die DDR! Mein Leben hätte also ganz anders verlaufen können, so erzählt es meine Mutter jedes Jahr um den Tag des Mauerbaus herum und entwirft ihr und damit auch mein Leben neu. Diese familiäre Erzählung ist mit dem 9. November 1989 verstummt und vollkommen verschwunden, als kurz nach dem 40. Jahrestag der DDR plötzlich dieses Land aufhört zu existieren.

Kann man Gott in der Geschichte, auch in der politischen, erfahren? Für manche Christen war der Fall der Mauer nach den vielen Jahren der Trennung nicht einfach ein profanes Ereignis, sondern manche lasen es -zaghaft und intuitiv- durch die Brille einer Fügung Gottes. Und ein wenig unheimlich war es ja dann auch, diese Parallele: 40 Jahre hat der „real-existierende Sozialismus“ voller Unfreiheit und Menschenschinderei gedauert und 40 Jahre musste das Volk Israel in der Wüste verharren, bevor es aus der Sklaverei in Ägypten in die Freiheit ziehen konnte. Diese von Generation zu Generation erzählte Erinnerung ist die identitätsstiftende Erzählung des Volkes Israel geworden. In einer ausweglosen Situation bringt Gott die Wendung, indem er das Flehen seines Volkes erhört und Moses beruf, das Volk aus der Knechtschaft zu befreien. „Ich werde sein, der ich sein werde“ (Exodus 3, 14) gibt sich Gott Mose zu erkennen. Als Mose die Gesetzestafeln erhält, werden die Bestimmungen mit Befreiung aus der Knechtschaft begründet: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft“ (Deuteronomium 5, 6). Ich bin bei euch, gehe mit euch durch die Geschichte meines Volkes, sagen diese Zeilen. In der Erinnerung daran, ist dieser große Befreiungsmoment identitätsstiftend für das Volk Israel geworden. Die Bibel ist voll von Geschichten über Gottes Wirken, der Freiheit aus Unfreiheit und Leben aus Tod schafft.

Und heute, kann man Gott wirklich in der Geschichte erfahren, wie manche Christen die Ereignisse vom Herbst 1989 intuitiv lasen? Wir sind zu Recht zurückhaltend geworden, politisch-historische Ereignisse mit Gottes Wirken in der Geschichte in Verbindung zu bringen. Zu groß die Schuld und die Scham nach 1945 über die Erkenntnis, das „Gott mit uns“ für eigene Interessen missbraucht zu haben; die theologischen Irrwege der Überlegenheit der eigenen Klasse, Rasse und Ideologie göttlich begründet zu haben.

Trotz aller Zurückhaltung bleibt, befreiende geschichtliche Ereignissen als „erfüllte Zeit“, als biografische Wendepunkte zu deuten, sie Jahre später einzuordnen und so vielleicht als Spuren göttlichen Handelns in der Geschichte auszumachen, in denen aufscheint, was Gott mit seiner Welt und den Menschen vorhat.

Für viele war der 9. November 1989 das Ende von Unfreiheit und biografischen Gedankenspielen -was wäre, wenn ich am 13. August auf der anderen Seite der Mauer gewesen wäre?

In diesem Jahr jährt sich der Fall der Mauer zum 30. Mal. Im Gottesdienst am 10. November werden wir Lebenslinien von Frauen nachgehen und aus dem Buch „Guten Morgen, du Schöne“ von Maxie Wander lesen. Herzliche Einladung bereits heute dazu.
 

Ihre Pfarrerin Ulrike Klehmet 

RSSPrint

Letzte Änderung am: 27.06.2019