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Andacht

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! (Galater 5,1)

Ich laufe mit der euphorisierten Menschenmenge mit. Wir erreichen die Grenzposten. Nur noch wenige Schritte und ich bin auf der Bornholmer Brücke. Der Weg von Ost nach West – plötzlich so leicht! Es ist 0:30 Uhr in der Nacht vom 9. zum 10. November 1989. Während ich mich von der jubelnden Menge auf die andere Seite treiben lasse, denke ich: „Wer konnte es wagen, mir das zu verbieten, in meiner Stadt von einem Teil zum anderen zu gehen?“

Der Mauerfall wird oft als Tag des Untergangs der DDR markiert. Untergegangen war sie wohl schon einen Monat zuvor, am 9. Oktober in Leipzig. Von Montag zu Montag waren es mehr Menschen geworden, die nach dem Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche Für ein freies Land mit offenen Menschen auf die Straße gingen. Aber heute am 9. Oktober sollte Schluss sein. Gerüchte wurden gezielt verbreitet: Panzer stünden vor der Stadt. Die Krankenhäuser würden leergeräumt. Man sei bereit den Staat, wenn es sein muss, mit der Waffe zu verteidigen.

In den Leipziger Innenstadtkirchen saßen um 17 Uhr etwa 9.000 Menschen. Darunter viele per Parteiauftrag hinbestellte SED-Genossen. Am Ende wurden alle zu einer Gemeinde. Sogar die Genossen versuchten zaghaft mitzusingen. Auf den Straßen vor den Kirchen warteten weitere 60.000 Menschen.

Trotz aller Drohungen nehmen sich am 9. Oktober 70.000 Menschen in Leipzig die Freiheit Veränderungen zu fordern. 70.000 Menschen überwinden ihre Angst: die Angst verhaftet zu werden und auf ungewisse Zeit im Stasiknast zu verschwinden. Die Angst die eigenen Kinder nicht wiederzusehen. Die Angst zu sterben.

Die friedliche Revolution 1989 begann in den Kirchen. Die Demonstrationen wurden mit Friedensgebeten eröffnet. Ein Lehrstück für die politische Relevanz der Bergpredigt, dem Manifest des Neuen Testaments für Gewaltlosigkeit und Feindesliebe.

Die Bergpredigt setzt mit den Seligpreisungen ein. Sie stellen unser Wertesystem auf den Kopf, preisen Menschen als glücklich und von Gott geliebt, die in unserer Welt die Ungeliebten und Benachteiligten sind: die geistlich Armen, die Leidenden, die Hungernden.

Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. Selig sind die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen. (Matthäus 5,5+9). Diese Seligsprechungen nahmen die Menschen aus den Friedensandachten mit hinaus auf die Straße. Sie fassten sie zusammen in zwei kurze Losungen: Keine Gewalt! und Wir sind das Volk! 

Die DDR war längst ein atheistisches Land geworden. Die Demonstranten einte die Unzufriedenheit, nicht der christliche Glaube. Und doch blieben alle der Losung des Jesus von Nazareth treu: Keine Gewalt!

Was bringt Menschen zum Beten, die seit Jahrzehnten nicht mehr in einer Kirche waren? Was macht Menschen so frei, dass sie ihre Angst überwinden und trotz der Drohung Heute wird geschossen! demonstrieren. Ist es das, was Jesus mit Salz der Erde und dem kleinen Stück Sauerteig meint, der eine große Menge durchsäuern kann?

Das atheistische Volk mit den Kerzen in den Händen und die beim Kanon zaghaft mitsingende Genossin möge mir verzeihen, dass ich sie als Teil eines Wunders sehe, für das Gott sie gebraucht hat.

Für ein freies Land mit offenen Menschen! Diese Losung wird immer noch gebraucht. Neue Wunder auch. Ich bete dafür, dass Gott dann auch uns gebrauchen wird. 

Ihre Pfarrerin Heidrun Miehe-Heger 

RSSPrint

Letzte Änderung am: 01.11.2019