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Andacht

Monatsspruch September 2019
Christus spricht: Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? (Matthäus 16,26)

Helmuth James Graf von Moltke wurde im Januar 1944 von den Nationalsozialisten wegen seiner Mitarbeit im Kreisauer Kreis verhaftet. Dank des Gefängnispfarrers Harald Poelchau haben seine Frau Freya und er die Möglichkeit, fast täglich Briefe auszutauschen. Für beide werden Bibel und Gesangbuch zu unverzichtbaren Begleiterinnen. Sie finden Halt in Texten der Propheten Jesaja, Jeremia, des Apostels Paulus, der Psalmen und vieler Gesangbuchlieder. Ihre Briefe zeugen von tiefer Glaubenszuversicht und der festen Überzeugung, dass es sich nicht nur lohnt sondern sogar geboten ist, für den Kampf gegen den Nationalsozialismus und die Werte des christlichen Glaubens sein Leben zu geben.

Helmuth Graf von Moltke wird durch den Präsidenten des Volksgerichtshofes Roland Freisler zum Tode verurteilt. Wenige Tage vor seiner Hinrichtung schreibt er über die Verhandlung: „Besprochen wurden Fragen der praktisch-ethischen Forderungen des Christentums. Nichts weiter; dafür werden wir verurteilt. Freisler sagte zu mir in einer seiner Tiraden: Nur in einem sind das Christentum und wir gleich: wir fordern den ganzen Menschen! Ich weiß nicht, ob die Umsitzenden das alles mitbekommen haben, denn es war eine Art Dialog - ein geistiger zwischen Freisler und mir... bei dem wir uns durch und durch erkannten. Von der ganzen Bande... ist er auch der einzige, der weiß, weswegen er mich umbringen muss."1

Helmuth und Freya waren davon überzeugt, dass der Anspruch des christlichen Glaubens umfassend und absolut ist. Der Monatsspruch stammt aus einem Gespräch Jesu mit seinen Jüngern, in dem er diesen radikalen Anspruch manifestiert. Wer im nachfolgt, muss bereit sein, menschliche Werte und menschliches Selbstverständnis radikal zu hinterfragen: sein Kreuz auf sich nehmen, sein Leben verlieren und neu finden und auf weltlichen Gewinn verzichten.

Mit der deutschen Übersetzung „...Schaden an seiner Seele" wird dieser umfassende Ausspruch Jesu undeutlicher gemacht. Das griechische Wort psyche, welches Luther mit Seele übersetzt, beinhaltet mehr als den Sitz des Innermenschlichen, der Gefühlswelt oder des überirdischen Lebens. Psyche ist hier besser mit dem Wort Leben zu übersetzen. Gemeint ist das Leben in seiner ganzen Fülle, äußerlich-irdisches genauso wie innerlich-überirdisches Leben. Jesus will nicht nur unser Inneres und auch nicht nur das von uns, was über unser irdisches Sein hinaus bleibt. Jesus will den ganzen Menschen.

„Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seinem Leben." Geht es um Verzicht? Von Ansehen, Besitz, Erfolg?
Es geht um eine Lebenshaltung. Was änderte sich in meinem Leben, wenn ich mich ehrlich fragte: Was erwartet Gott von mir, jetzt und hier? Was bedeutete es, Dinge und Werte für Gott neu zu sehen, meine Wünsche und Ziele danach auszurichten und auch Unbequemlichkeiten und Schwierigkeiten auf mich zu nehmen? Was würde ich verlieren? Was neu entdecken und gewinnen?

Der Wohlstand in dem wir leben, ist dabei eine wichtige Kategorie. Wohlstand macht ängstlich. Man hat viel zu verlieren. Wohlstand macht bequem. Er vermag so manche Lebenserschwernisse abzufedern.

Ist es nicht ausgerechnet der Wohlstand, der verhindert, dass das reiche Europa eine Lösung für die Menschen findet, die hier ein neues Leben suchen? Durch unseren Wohlstand wären wir in der Lage zu helfen. Dieser Wohlstand bindet uns aber zugleich in einer Komfortzone, die wir aus Angst und Bequemlichkeit nicht riskieren möchten. Nehmen wir lieber in Kauf, dass tagtäglich Menschen verzweifeln, tagtäglich Menschen sterben?
Was aber hilft es dir, Europa, wenn du deine Welt für dich behältst und nimmst doch Schaden an deiner Seele?

Ihre Pfarrerin Heidrun Miehe-Heger

 

1Helmuth James und Freya von Moltke, Abschiedsbriefe Gefängnis Tegel, S. 478

RSSPrint

Letzte Änderung am: 23.08.2019